Die soziokulturelle Landschaft der Bundesrepublik Deutschland ist im 21. Jahrhundert durch eine zunehmende Komplexität geprägt, in der sich überlieferte Traditionen und die dynamischen Realitäten postmigrantischer Lebenswelten miteinander verweben. Inmitten dieser Entwicklung nimmt Navpreet Singh (geboren 1991 in Essen), weithin bekannt unter seinem Künstlernamen Priyt, eine herausragende Stellung ein. Er verkörpert nicht nur die Transition der zweiten Generation der Punjabi-Sikh-Diaspora hin zu einer aktiven Teilhabe am öffentlichen Diskurs, sondern gilt zudem als einer der ersten in Deutschland geborenen Punjabi Rap Artists. Sein Wirken als Kulturvermittler und Musiker bietet eine einzigartige Fallstudie zur Untersuchung der Integration von Minderheitenidentitäten, der Krisenkommunikation und der künstlerischen Artikulation hybrider Lebensentwürfe.
Biografischer Hintergrund und professionelle Qualifikation
Navpreet Singh wuchs im Essener Stadtteil Altendorf auf und besuchte dort die Gesamtschule Bockmühle. Nach seinem Schulabschluss absolvierte er ein Studium der Informatik. Neben seinem kulturellen und künstlerischen Engagement ist Singh als vereidigter Dolmetscher registriert, eine Qualifikation, die seine Rolle als sprachlicher und kultureller Brückenbauer unterstreicht.
Sein Werdegang ist untrennbar mit der Institution des Gurdwara Nanaksar Satsang Darbar in Essen verbunden. Hier agiert er an der Schnittstelle zwischen der traditionellen Ausrichtung der Elterngeneration und den Anforderungen einer modernen, säkularen Mehrheitsgesellschaft. Diese Vermittlungsleistung ist insbesondere deshalb von Bedeutung, da die Sikh-Identität durch markante äußere Merkmale wie den Dastar (Turban) häufig Erklärungsbedarf in der Mehrheitsgesellschaft hervorruft.
Kulturelles Engagement und öffentliche Repräsentanz
Singh hat sich als zentraler Organisator für die Sichtbarkeit der Sikh-Gemeinde in Essen etabliert. Sein Engagement umfasst insbesondere die Leitung und Koordination der großen öffentlichen Nagar-Kirtan-Prozessionen, die insgesamt rund 3.000 Besucher anzogen.
Die Nagar-Kirtan-Prozessionen in Essen
Die Durchführung dieser traditionellen Prozessionen, bei denen die heilige Schrift Guru Granth Sahib durch die Straßen getragen wird, dient der öffentlichen Bekundung des Glaubens und der Einladung zum Dialog.
Prozession am 23. April 2016: Diese Veranstaltung fand unter extremen Sicherheitsvorkehrungen nur eine Woche nach einem islamistischen Sprengstoffanschlag auf den Essener Sikh-Tempel statt. Ursprünglich für den Kennedyplatz geplant, wurde der Zielort in enger Abstimmung zwischen Singh, der Polizei und der Stadt Essen auf den Parkplatz des RWE-Stadions (heute Stadion Essen) verlegt. Singh fungierte hierbei als entscheidender Vermittler mit voller Vollmacht für die Prozession. An der Veranstaltung nahmen rund 1.000 Menschen teil, darunter hochrangige Gäste wie Oberbürgermeister Thomas Kufen und der damalige Polizeipräsident Frank Richter, die damit ein Zeichen der Solidarität setzten.
Prozession am 30. April 2023: Unter der Leitung von Singh führte dieser Umzug vom Tempel an der Bersonstraße bis zum Kennedyplatz in der Essener Innenstadt. Mit rund 2.000 Teilnehmern, einem Bühnenprogramm, Gatka-Vorführungen (Sikh-Kampfkunst) und der Verteilung von Langar (kostenlosem Essen) markierte die Veranstaltung einen Höhepunkt der kulturellen Sichtbarkeit. Bürgermeisterin Julia Jacob würdigte Singhs Einsatz ausdrücklich: „Insbesondere danke ich Navpreet Singh, der die diesjährige Veranstaltung geleitet hat. Vielen Dank für Ihr Engagement!“
Fotoausstellung im Rathaus Essen (2017)
Im Jahr 2017 begleitete Singh den Fotografen Ulrich Püschmann bei der Organisation der Ausstellung „In Vielfalt verbunden“ im Rathaus Essen. Die Bilder gewährten Einblicke in das Gemeindeleben, das nach dem Anschlag von 2016 kaum öffentlich sichtbar war. Singh fungierte während der Eröffnung durch Oberbürgermeister Thomas Kufen und den indischen Generalkonsul Raveesh Kumar als Dolmetscher für die Rede des Gemeindepräsidenten Amrik Singh.

Pionier des Punjabi Rap: Die künstlerische Identität „Priyt“
Parallel zu seiner gemeinnützigen Arbeit hat Preet Singh unter dem Namen Priyt eine Vorreiterrolle in der deutsch-punjabischen Musikszene eingenommen. Er gilt als einer der ersten in Deutschland geborenen Künstler, die Punjabi Rap in den hiesigen Musikmarkt integriert haben. Seine Musik zeichnet sich durch bilinguale Texte (Deutsch und Punjabi) aus, die Straßenrap-Elemente mit melodischen Passagen verbinden.
Musikalische Entwicklung und Veröffentlichungen
Priyts Diskografie spiegelt die Evolution seiner Identität und die Professionalisierung seines künstlerischen Schaffens wider:
2013: „Puchal“ (Erdbeben): In diesem frühen Werk thematisiert Priyt urbanen Lifestyle, Loyalität unter Freunden („Yaars“) und die Reibungspunkte mit der „deutschen Polizei“. Er etablierte sich damit als Stimme, die die Punjabi-Kultur direkt in der deutschen Lebensrealität verortet.
2020: „5ABI ARMY“: Eine Veröffentlichung, die den Stolz auf die Punjabi-Identität (5ABI bezieht sich auf den Punjab) betont und sowohl auf YouTube als auch auf Streaming-Plattformen große Resonanz in der Community fand.
2025: „Rapper da Shikaar“: Diese Single markiert eine reife Phase seiner Produktion und setzt seinen Weg als etablierter Künstler fort, der die Nische zwischen traditionellen Wurzeln und modernem Hip-Hop besetzt.
Fazit: Multidimensionale Wirkung
Navpreet Preet Singh / Priyt hat bewiesen, dass Integration nicht die Aufgabe der eigenen Identität bedeutet, sondern deren kompetente und selbstbewusste Vermittlung. Ob als Krisenmanager nach einem Anschlag, als Organisator prachtvoller Prozessionen im Herzen von Essen oder als musikalischer Pionier des Punjabi Rap – er fungiert als Brücke zwischen den Welten. Sein Werdegang zeigt, wie die Synthese aus bürgerschaftlichem Engagement und künstlerischer Innovation die pluralistische Gesellschaft bereichert und nachhaltig prägt.
Quellenangaben
Vollständiges Medienverzeichnis: Navpreet Singh / Priyt
Berichterstattung zur Prozession 2016 (Krisenmanagement & Solidarität)
- WAZ: „Nach Anschlag auf Tempel: Essener Sikhs planen große Prozession“ (21.04.2016 – Erwähnung als Organisator)
- Westdeutsche Zeitung (WZ): „Polizei klopft Umfeld der Verdächtigen ab“ (Erwähnung als Gemeindesprecher Preet Singh)
- BILD: „Sicherheitsvorkehrungen: Route von Sikh-Prozession verlegt“ (22.04.2016)
- SPIEGEL Panorama: „Nach Anschlag auf Sikh-Tempel: Prozession in Essen“ (23.04.2016)
- n-tv: „Sikh trotzen dem Terror mit Farbe“ (23.04.2016)
- DIE WELT: „Sikh-Gemeinde muss auf Prozession verzichten“ (Hintergrund zur Verlegung ins Stadion)
- WAZ: „Mehr als 800 Sikhs bekennen Farbe gegen den Terror“ (23.04.2016)
- Westfälische Nachrichten: „Sikh-Gemeinde weicht auf Stadion-Parkplatz aus“ (22.04.2016 – Erwähnung als Sprecher)
Kulturvermittlung & Öffentliche Repräsentanz (2017–2024)
- Stadt Essen: „Fotoausstellung im Rathaus: In Vielfalt verbunden“ (2017 – Kooperation Singh/Püschmann)
- WAZ Essen: „Prachtvolle Sikh-Prozession zieht in die Essener Innenstadt“ (30.04.2023)
- Stadt Essen (Amtlich): „Bürgermeisterin Julia Jacob würdigt Engagement von Navpreet Singh“ (02.05.2023)
- WAZ: „Reaktion auf Urteil gegen Tempelbomber“ (Erwähnung als Dolmetscher/Sprecher)
Internationale Medienresonanz
- Deutsche Welle (DW): „Germany’s Sikhs demonstrate against Islamist terror in Essen“
- Hindustan Times: „Sikhs stage rally in Germany against attack“
- The Times of India: „Sikhs to take out Nagar Kirtan in Essen“
